H.D. Thoreau: Teil 2 – Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat

Henry David Thoreau im Jahre 1861.

Im zwei­ten Teil der Vorstellung von Henry David Thoreau will ich sein Buch „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat” und die Hintergründe sei­ner Entstehung prä­sen­tie­ren. Diese klei­ne Buch mach­te Thoreau zum Begründer des  zivi­len Ungehorsams und hat­te weit­rei­chen­de Folgen für die Welt.

(Hier gehts zum ers­ten Teil der Artikelserie)

Den 23. Juli 1846 ver­brach­te H.D. Thoreau im Gefängnis, weil er sich wei­ger­te, sei­ne Steuerschuld gegen­über Massachusetts zu beglei­chen und mit die­sen Steuergeldern die ame­ri­ka­ni­sche Regierung (und damit die Sklaverei und den expan­si­ven Mexiko-Krieg) zu unter­stüt­zen. Die Schulden wur­den schließ­lich doch bezahlt und Thoreau dar­auf­hin aus dem Gefängnis ent­las­sen; von wem, lässt sich nicht end­gül­tig klä­ren. Allerdings wird ver­mu­tet, dass sich dahin­ter ent­we­der Emerson oder ein naher Verwandter ver­barg.

Inspiriert durch die Nacht im Gefängnis hielt Thoreau spä­ter Vorträge zu dem Grund sei­ner Zahlungsverweigerung. Diese Vorträge fass­te er zu dem Essay Resistance to Government 1849 zusam­men, wel­cher ab 1866 unter dem  Titel Civil Disobedience bekannt wur­de (dt. Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat). Die Schrift avan­cier­te zum Standardwerk und Namensgeber des zivi­len Ungehorsams und dien­te u.a. Mahatma Gandhi, Martin Luther King oder der fran­zö­si­schen Resistance im 2. Weltkrieg als Inspirationsquelle für den gewis­sens­ge­lei­te­ten, gewalt­frei­en Widerstand gegen die Obrigkeit. Thoreaus klei­nes Buch ist ein zeit­los gül­ti­ges Pamphlet, iro­nisch, scharf­zün­gig wie auch kom­pro­miß­los in den Thesen und gleich­zei­tig von gro­ßer poe­ti­scher Kraft. Gandhi emp­fahl sogar all sei­nen Satyagrahis, Thoreaus Werk nicht nur genau zu stu­die­ren, son­dern auch immer ein Exemplar bei sich zu tra­gen und zu ver­brei­ten.

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Ausgewählte Zitate und Textpassagen aus Thoreaus Buch „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat”:

 

 „Wenn ein Mensch frei ist in sei­nen Gedanken, frei in sei­ner Phantasie und sei­ner Vorstellung, also in den Dingen, die nie für lan­ge Zeit leb­los bei ihm blei­ben, dann kön­nen unklu­ge Herrscher oder Reformapostel ihm nie gefähr­lich in die Quere kom­men.” – Henry David Thoreau

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Über die Regierung, Gesetze und Recht:

  1. Die bes­te Regierung ist die, wel­che am wenigs­ten regiert. (…) Eine Regierung ist bes­ten­falls ein nütz­li­ches Instrument; aber die meis­ten Regierungen sind immer – und alle sind manch­mal – unnütz.
  2. Deshalb ist sie [die Regierung] aber nicht weni­ger not­wen­dig; die Leute brau­chen ein­fach irgend­ei­ne umständ­li­che Maschine, sie wol­len ihren Lärm hören, um die Vorstellung zu befrie­di­gen, die sie von einer Regierung haben. Regierungen füh­ren uns also vor, wie leicht man die Menschen betrü­gen kann, ja, wie sie sich sogar selbst betrü­gen – und zwar zu ihrem eige­nen Vorteil.
  3. Könnte es nicht eine Regierung geben, in der nicht die Mehrheit über falsch und rich­tig befin­det, son­dern das Gewissen? – in der die Mehrheit nur sol­che Fragen ent­schei­det, für die das Gebot der Nützlichkeit gilt? Muss der Bürger auch nur einen Augenblick, auch nur ein wenig, sein Gewissen dem Gesetzgeber über­las­sen? Wozu hat denn dann jeder Mensch ein Gewissen? Ich fin­de, wir soll­ten erst Menschen sein und danach Untertanen. Man soll­te nicht den Respekt vor dem Gesetz pfle­gen, son­dern vor der Gerechtigkeit. Nur eine ein­zi­ge Verpflichtung bin ich berech­tigt ein­zu­ge­hen, und das ist, jeder­zeit zu tun, was mir recht erscheint.
  4. Die Mehrzahl der Menschen dient also dem Staat mit ihren Körpern; nicht als Menschen, son­dern als Maschinen. (…) In den meis­ten Fällen bleibt da kein Raum mehr für eige­nes Urteil oder mora­li­sches Gefühl; sie ste­hen auf der­sel­ben Stufe wie Holz und Steine; (…) Und doch hält man sol­che Menschen gewöhn­lich sogar für gute Bürger.
  5. Nur weni­ge Helden, Patrioten, Märtyrer, wirk­li­che Reformer und Menschen die­nen dem Staat auch mit dem Gewissen, wes­halb sie sich ihm oft wider­set­zen müs­sen; sie wer­den gewöhn­lich von ihm als Feinde behan­delt.
  6. Auch für das Recht stim­men heißt nichts dafür tun. Allenfalls gibt man den Menschen sanft zu ver­ste­hen, man wün­sche, es möge sich durch­set­zen. Ein klu­ger Mensch wird die Gerechtigkeit nicht der Gnade des Zufalls über­las­se, er wird auch nicht wol­len, dass sie durch die Macht der Mehrheit wirk­sam wer­de. Denn in den Handlungen von Menschenmassen ist die Tugend sel­ten zu Hause.
  7. Der Mensch ist nicht unbe­dingt ver­pflich­tet, sich der Austilgung des Unrechts zu wid­men, und sei es noch­so mons­trös. Er kann sich auch ande­ren Angelegenheiten mit Anstand wid­men; aber zum min­des­ten ist es sei­ne Pflicht, sich nicht mit dem Unrecht ein­zu­las­sen, und wenn er schon kei­nen Gedanken dar­an wen­den will, es doch wenigs­tens nicht prak­tisch zu unter­stüt­zen.
  8. Wer nach Grundsätzen han­delt, das Recht wahr­nimmt und es in Taten umsetzt, ver­än­dert die Dinge und Verhältnisse; dies ist das Wesen des Revolutionären, es gibt sich nicht mit ver­gan­ge­nen Zuständen zufrie­den.
  9. Es gibt unge­rech­te Gesetze: Sollen wir uns damit beschei­den, ihnen zu gehor­chen, oder sol­len wir es auf uns neh­men, sie zu bes­sern, und ihnen nur so lan­ge gehor­chen, bis wir das erreicht haben, oder sol­len wir sie viel­leicht sofort über­tre­ten? Die Leute glau­ben im all­ge­mei­nen, unter einer Regierung, wie wir sie jetzt haben, soll­ten sie war­ten, bis sie die Mehrheit zu den Änderungen über­re­det haben. Wenn sie Widerstand leis­ten leis­te­ten, so glau­ben sie, wäre die Kur schlim­mer als die Krankheit. Aber es ist die Regierung, die allein Schuld hat, daß die Kur tat­säch­lich schlim­mer als die Krankheit ist. Sie macht sie schlim­mer. Warum tut sie nicht mehr dafür, Reformen vor­zu­se­hen und ein­zu­lei­ten? (…) Warum ermu­tigt sie die Bürger nicht, wach­sam zu sein und ihre Fehler anzu­zei­gen und ihr damit Besseres zu tun, als an ihnen getan wur­de? (…) Es scheint, daß eine bewuß­te und akti­ve Verleugnung ihrer Staatsgewalt der ein­zi­ge Angriff ist, auf den die Regierung nicht gefaßt ist; oder war­um hat sie dafür kei­ne ange­mes­se­ne Strafe ein­ge­führt?
  10. Wenn aber ein Gesetz so beschaf­fen ist, daß es dich zwingt, einem ande­ren Unrecht anzu­tun, dann sage ich, brich das Gesetz. Mach dein Leben zu einem Gegengewicht, um die Maschine auf­zu­hal­ten. Jedenfalls muß ich zuse­hen, daß ich mich nicht zu dem Unrecht her­ge­be, das ich ver­dam­me.
  11. Die recht­mä­ßi­ge Regierungsgewalt ist immer unvoll­kom­men: Um näm­lich unbe­dingt gerecht zu sein, muß sie Vollmacht und Zustimmung der Regierten haben. Sie kann kein umfas­sen­des Recht über mich und mein Eigentum haben, son­dern nur so weit, wie ich zustim­me. Der Fortschritt von einer abso­lu­ten zu einer ein­ge­schränk­ten Monarchie zur Demokratie ist ein Fortschritt in Richtung auf wah­re Achtung vor dem Individuum. Sogar der chi­ne­si­sche Philosoph [Konfuzius] war wei­se genug, das Individuum als Grundlage des Reiches anzu­se­hen. [Konfuzius Zitat fin­den sie im Abschnitt wei­ter unten: „Weitere Denkwürdigkeiten” – Punkt 5]
  12. Das Gesetz hat die Menschen nicht um ein Jota gerech­ter gemacht; gera­de durch ihren Respekt vor ihm wer­den auch die Wohlgesinnten jeden Tag zu Handlangern des Unrechts.
  13. Ich mache mir das Vergnügen, mir einen Staat vor­zu­stel­len, der es sich leis­ten kann, zu allen Menschen gerecht zu sein, und der das Individuum ach­tungs­voll als Nachbarn behan­delt; einen Staat, der es nicht für unver­ein­bar mit sei­ner Stellung hiel­te, wenn eini­ge ihm fern­blie­ben, sich nicht mit ihm ein­lies­sen und nicht von ihm ein­be­zo­gen wür­den, solan­ge sie nur alle nach­bar­schaft­li­chen, mit­mensch­li­chen Pflichten erfüll­ten.
  14. Ich möch­te mit kei­nem Menschen und kei­nem Land Streit anfan­gen. Ich will kei­ne Haarspalterei betrei­ben, nicht über­ge­nau sein oder mich für bes­ser als mei­ne Nachbarn hal­ten. Ich suche ja gera­de nach einer Ausrede, um mich den Gesetzen des Landes anzu­pas­sen.

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Die welt­be­rühm­te Passage, in der Thoreau u.a. sei­nen Aufenthalt im Gefängnis beschreibt:

Unter einer Regierung, die irgend jeman­den unrecht­mä­ßig ein­sperrt, ist das Gefängnis der ange­mes­se­ne Platz für einen recht­schaf­fe­nen Menschen. Der rech­te Platz, der ein­zi­ge, den Massachusetts sei­nen freie­ren und weni­ger klein­mü­ti­gen Geistern anzu­bie­ten hat, ist eben das Gefängnis, wo sie von Staates wegen aus­ge­setzt und aus­ge­schlos­sen wer­den, nach­dem sie sich durch ihre Grundsätze schon selbst aus­ge­schlos­sen haben. Der ent­flo­he­ne Sklave, der auf Bewährung ent­las­se­ne mexi­ka­ni­sche Kriegsgefangene und der Indianer mit sei­nen Anklagen gegen das Unrecht, das man sei­ner Rasse zuge­fügt: nur hier sol­len sie ihn fin­den, im Gefängnis; auf die­sem abge­schie­de­nen, aber freie­ren und ehr­ba­re­ren Boden, wo der Staat jene hin­bringt, die nicht mit ihm, son­dern gegen ihn sind – es ist das ein­zi­ge Haus in einem Sklavenstaat, das ein frei­er Mann in Ehren bewoh­nen kann. [Anm.: Heute befin­den wir uns in Österreich bzw. EU eben­falls in einem Sklavenssystem, nur in der Form eines ver­steck­ten Zinssklaventums.]

Vielleicht glau­ben man­che, daß sie dort ihren Einfluss ver­lie­ren, daß ihre Stimme das Ohr des Staates nicht mehr erreicht, sie glau­ben, daß ihre Gegnerschaft inner­halb die­ser Mauern unwirk­sam wäre – aber sie wis­sen nicht, um wie­viel die Wahrheit stär­ker ist als der Irrtum und wie­viel über­zeu­gen­der und wir­kungs­vol­ler sie die Ungerechtigkeit bekämp­fen kön­nen, wenn sie sie nur ein biß­chen an sich selbst erfah­ren haben. Lege in dei­ne Stimme das gan­ze Gewicht, wirf nicht nur einen Papierzettel, son­dern dei­nen gan­zen Einfluß in die Waagschale. Eine Minderheit ist macht­los, wenn sie sich der Mehrheit anpaßt; sie ist dann noch nicht ein­mal eine Minderheit; unwi­der­steh­lich aber ist sie, wenn sie ihr gan­zes Gewicht ein­setzt. Vor der Wahl, ob er alle anstän­di­gen Menschen im Gefängnis hal­ten oder Krieg und Sklaverei auf­ge­ben soll, wird der Staat mit sei­ner Antwort nicht zögern. Wenn tau­send Menschen die­ses Jahr kei­ne Steuern bezah­len wür­den, so wäre das kein bru­ta­ler und blu­ti­ger Akt – das wäre es nur, wenn sie die Steuern zahl­ten und damit dem Staat erlaub­ten, Brutalitäten zu bege­hen und unschul­di­ges Blut zu ver­gie­ßen. Das ers­te­re ist, was wir unter einer fried­li­chen Revolution ver­ste­hen – soweit sie mög­lich ist. Wenn nun aber – wie es gesche­hen ist – der Steuereinnehmer oder irgend­ein ande­rer Beamter mich fragt: ” Was soll ich jetzt tun?” so ist mei­ne Antwort: ” Wenn du wirk­lich etwas tun willst, dann lege dein Amt nie­der.” Wenn ein­mal der Untertan den Gehorsam ver­wei­gert und der Beamte sein Amt nie­der­ge­legt hat, dann hat die Revolution ihr Ziel erreicht. (…) Aber der Reiche hat sich – ohne daß ich beson­ders nei­disch wäre – immer an die Institution ver­kauft, die ihn reich macht. Um es über­spitzt aus­zu­drü­cken: je mehr Geld, des­to weni­ger Anstand; denn das Geld tritt zwi­schen den Menschen und die gewünsch­ten Gegenstände, und es erwirbt sie an sei­ner Statt; und es war sicher­lich kei­ne gro­ße Tugend Geld zu erwer­ben. Geld erstickt vie­le Fragen im Keim, die sonst unan­ge­neh­me Antworten gefor­dert hät­ten. (…) Das Beste das ein Reicher zur Bewahrung und Förderung sei­ner Menschlichkeit tun kann, ist, die Wünsche zu ver­wirk­li­chen, die er als armer Mensch gehegt hat.

Ich habe sechs Jahre kei­ne Kopfsteuer bezahlt. Einmal wur­de ich des­halb für eine Nacht ins Gefängnis gesteckt. Wie ich da stand und mir die mas­si­ven Steinmauern betrach­te­te, die zwei oder drei Fuß dick waren, die Tür aus Holz und Eisen – einen Fuß dick – und das Eisengitter, wel­ches das Licht sieb­te, kam mir die Ganze Dummheit die­ser Institution zum Bewußtsein, die mich so behan­del­te, als wäre ich nicht mehr als Fleisch, Blut und Knochen, etwas, das man ein­schlie­ßen kann. Ich frag­te mich, ob sie nun zu dem Schluss gekom­men war, die­ses sei der bes­te Zweck, dem ich zuge­führt wer­den könn­te, und ob sie nie dar­an gedacht hät­te, sich mei­ner guten Dienste zu ver­si­chern. Ich erkann­te: Wenn zwi­schen mir und mei­nen Mitbürgern auch eine Mauer war, so war die Mauer, die sie über­klet­tern oder durch­bre­chen müß­ten, um so frei zu sein, wie ich es war, noch schwie­ri­ger zu über­win­den. Nicht einen Augenblick lang fühl­te ich mich beengt, und die­se Mauern schie­nen mir eine gro­ße Verschwendung von Stein und Mörtel. Mir kam es vor, als hät­te ich als ein­zi­ger unter mei­nen Mitbürgern die Steuer bezahlt. Ganz offen­sicht­lich wuß­ten sie nicht, wie sie mich behan­deln soll­ten, sie benah­men sich wie schlecht erzo­ge­ne Leute. In jeder ihrer Drohungen und in jeder ihrer Höflichkeiten steck­te ein dum­mes Mißverständnis; sie dach­ten näm­lich, mein größ­ter Wunsch sei, auf der ande­ren Seite die­ser Mauern zu ste­hen. Ich muß­te lächeln, wenn ich zusah, wie emsig sie die Tür vor mei­nen Betrachtungen abschlos­sen, wel­che dann ohne Mühe und Widerstand hin­ter ihnen hin­aus­gin­gen – und sie waren doch in Wirklichkeit die eigent­li­che Gefahr! Da sie mich nicht fas­sen konn­ten, beschlos­sen sie, mei­nen Körper zu bestra­fen; wie klei­ne Jungen, die, weil sie eine Wut auf jeman­den haben, aber nicht an ihn her­an­kön­nen, des­sen Hund miß­han­deln. Ich erkann­te, daß der Staat ein­fäl­tig ist, ängst­lich wie eine alte Jungfer mit ihren sil­ber­nen Löffeln, daß er sei­ne Freunde nicht von den Feinden unter­schei­den kann, und ich ver­lor die gerin­ge Achtung vor ihm, die noch übrig war, und bedau­er­te ihn.

Mit dem inne­ren Wesen, sei es int­e­lek­tu­ell oder mora­lisch, kann der Staat sich also nie­mals aus­ein­an­der­set­zen, son­dern nur mit dem Körper, mit den Sinnen. Er ver­fügt weder über grö­ße­re Vernunft noch Ehrlichkeit, son­dern nur über grö­ße­re phy­si­sche Gewalt. Ich bin nicht für den Zwang gebo­ren. Ich wer­de nach mei­ner Art atmen. Wir wol­len doch sehen, wer stär­ker ist. Was für eine Macht hat eine Masse? Nur die kön­nen mich zwin­gen, die einem höhe­ren Gesetz fol­gen als ich. Sie zwin­gen mich dann, so wie sie zu wer­den. Ich habe noch nie gehört, daß ein Mensch von einer Menschenmasse gezwun­gen wor­den wäre, so oder so zu leben. Was wäre das auch für ein Leben! Wenn die Regierung vor mir steht und sagt: „Geld oder Leben”, war­um soll­te ich mich beei­len, mein Geld her­aus­zu­rü­cken? Vielleicht ist sie in einer Zwangslage und weiß nicht, was tun: Ich kann da nicht hel­fen. Die Regierung muß sich selsbt hel­fen; sie soll es machen wie ich. Es lohnt sich nicht dar­über zu grei­nen. Ich bin nicht dafür ver­ant­wort­lich, daß die Maschine der Gesellschaft rich­tig funk­tio­nie­re. Ich bin nicht der Sohn des Maschinenbauers.

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Weitere Denkwürdigkeiten:

  1. Wir sagen gewöhn­lich, die Masse der Menschen sei unreif; aber die­ser Zustand bes­sert sich nur des­halb so lang­sam, weil die „weni­gen” nicht wesent­lich bes­ser oder klü­ger sind als die „vie­len”. Es ist nicht so wich­tig, dass die gro­ße Menge eben­so gut ist wie ihr, son­dern dass es über­haupt irgend­wo voll­kom­me­ne Güte gib; Denn schon ein biß­chen Hefe wird den Teig auf­ge­hen las­sen.
  2. Ein Mann, der wirk­lich einer ist, hat ein Rückgrat, durch das man nicht sei­ne Hand ste­cken kann.
  3. Es ist eben so: Diejenigen, wel­che kei­ne rei­ne­re Quelle der Wahrheit ken­nen, die ihre Spuren nicht wei­ter strom­auf­wärts ver­folgt haben, blei­ben aus gutem Grund bei ihrer Bibel und ihrer Verfassung und schlür­fen sie in Ehrerbietung und Demut. Die aber, wel­che sehen, wie die Wahrheit als dün­nes Rinnsal in die­sen See oder jene Pfütze ein­mün­det, krem­peln ihre Kleider noch ein­mal auf und wan­dern wei­ter ihrem Ursprung zu.
  4. [Thoreau zitiert an eini­gen Stellen im Buch auch Konfuzius:] Wenn in einem Lande Ordnung herrscht, so ist Armut und Niedrigkeit eine Schande; wenn in einem Lande Unordnung herrscht, dann ist Reichtum und Ansehen eine Schande.
  5. [Konfuzius:] Nie wird es einen wirk­lich frei­en und auf­ge­klär­ten Staat geben, solan­ge sich der Staat nicht bequemt, das Individuum als grö­ße­re und unab­hän­gi­ge Macht anzu­er­ken­nen, von wel­cher sich all sei­ne Macht und Autorität ablei­ten, und solan­ge er den Einzelmenschen nicht ent­spre­chend behan­delt.
  6. Wenn ich einem Ertrinkenden das Holzbrett ent­ris­sen habe, mit dem er sich über Wasser gehal­ten hat, dann muss ich es ihm zurück­ge­ben, und wenn ich dabei selbst ertrin­ke.
  7. Ich wur­de ins Gefängnis gesteckt, als ich gera­de auf dem Weg zum Schuster war, um einen geflick­ten Schuh dort abzu­ho­len. Als ich am nächs­ten Morgen her­aus­kam, setz­te ich die­sen Gang fort, zog mei­ne geflick­ten Schuh an und stieß zu einer Gruppe von Heidelbeersammlern, die schon dar­auf war­te­ten, von mir ange­führt zu wer­den.

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    Die vor­lie­gen­den Zitate und Textpassagen stam­men aus der zwei­spra­chi­gen Ausgabe des Buches

H.D. Thoreau: Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat – Civil Disobedience

des Diogenes Verlags, Zürich 2004. Der Text basiert auf der deut­schen Erstausgabe von 1966 des Galerie Patio Verlags, Frankfurt am Main.

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Update 09.2014:

Anfang 2013 mach­te sich David Adner die Mühe, das Buch zu über­set­zen.
Freundlicherweise stellt er die­se hier für alle Interessierten zur Verfügung.
Diese Ubersetzung steht unter einer Creative Commons Namensnennung
Weitergabe unter glei­chen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

Download: hier

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Zusammenfassung (Wikipedia):

Verfasst in den Zeiten der ame­ri­ka­ni­schen Eroberungs- und Sklavenpolitik, for­dert Thoreaus Essay auf, sich dem posi­ti­ven Recht des Staates nur zu beu­gen, wenn es mit der per­sön­li­chen mora­li­schen Wertung über­ein­stimmt. Er pro­pa­giert ein Gewissensrecht der Moral gegen Ungerechtigkeiten in der Demokratie, mit Aussagen wie: „Wenn aber das Gesetz so beschaf­fen ist, dass es not­wen­di­ger­wei­se aus dir den Arm des Unrechts an einem ande­ren macht, dann, sage ich, brich das Gesetz. Mach’ dein Leben zu einem Gegengewicht, um die Maschine auf­zu­hal­ten. Jedenfalls muss ich zuse­hen, dass ich mich nicht zu dem Unrecht her­ge­be, das ich ver­dam­me.” (in: Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat, 1849). Auch klagt er die Beamtenschaft an, wel­che sich dem Staat treu hin­ge­be, ohne auf das eige­ne Herz zu hören.

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Fazit by guru:

„Nur weni­ge Helden, Patrioten, Märtyrer, wirk­li­che Reformer und Menschen die­nen dem Staat auch mit dem Gewissen, wes­halb sie sich ihm oft wider­set­zen müs­sen; sie wer­den gewöhn­lich von ihm als Feinde behan­delt.”

Es ist schwer die­sem Zitat noch sinn­vol­les hin­zu zu fügen, den­noch wage ich den Versuch. Tag für Tag, Woche für Woche usw. belü­gen und betrü­gen  uns die­se poli­ti­schen Gestalten, mit dem Verweis, sie wür­den die Mehrheit des Staatsvolkes reprä­sen­tie­ren. Eine durch­trie­be­ne Unwahrheit, denn allein die ste­tig stei­gen­de Zahl der Nichtwähler wider­legt schon die­se Aussage. Aber las­sen wir ein­mal die Nichtwähler weg um diver­sen dum­men Diskussionen dar­über kei­ne Nahrung zu geben. Keine Partei erreicht bei der Wählerschaft wesent­lich mehr als 30% oder 40% Zustimmung, dar­aus resul­tie­ren aus­schließ­lich Minderheitsregierungen, auch wenn sie sich durch diver­se koali­tio­nä­re Kuhhandel Pseudomehrheiten zuschan­zen. Auf der Strecke bleibt der Wähler, denn anstatt einer poli­ti­schen Richtung wer­den derer nun­mehr zwei oder meh­re­re und dies hat er ja gar nicht gewählt!

Steigbügelhalter jeder auch noch so unfä­hi­gen Regierung (um kor­rupt zu ver­mei­den) ist die Beamtenschaft. Mit schon ans kri­mi­nel­le gren­zen­den Winkelzügen wird ver­sucht dem gemei­nen Individuum Geld aus der Tasche zu zie­hen oder gesetz­lich zuste­hen­de Unterstützungen vor­zu­ent­hal­ten. Und sobald eine Änderung der eige­nen Pfründe unaus­weich­lich erscheint, dann wer­den alt­be­kann­te „Betonierer” und Verhinderer her­vor­ge­holt und sobald der ers­te Rauch ver­zo­gen ist, bleibt alles beim Alten.

Eine Änderung die­ser Zustände ist schwer­lich mög­lich, soll­te man nicht mit dem Strafgesetz in Konflikt gera­ten, Volksverhetzung und Widerstand gegen die Staatsgewalt sind hier­bei die Zauberworte!

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Verwandte Artikel:

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Quellen:

  • http://www.china-guide.de/china/Chinesische_kultur/konfuzius.html
  • http://en.wikipedia.org/wiki/File:Henry_David_Thoreau_1861.jpg
  • http://de.wikiquote.org/wiki/Henry_David_Thoreau
  • http://www.thoreau.de/pflicht.html

 (Hier gehts zum ers­ten Teil der Artikelserie)

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